Chosen Few – El Documental

Chosen Few - El Documental - Cover

Erfolg bringt – nicht nur in der Musik – Neid und Mißgunst mit sich. Was in der Musikbranche jedoch inzwischen ebenfalls mit dem Erfolg zu kommen scheint, sind die unsäglichen Klingeltonwerbungen und Hochglanzmusikvideos “verpopter” Nachahmer, die die auf Hochtouren laufende Marketingmaschine scheinbar im Minutentakt erzeugt, um den größtmöglichen Profit zu erzielen.

Dem “neuen” nunmehr etwa 15 Jahre alten Genre Reggaeton ergeht es bei seinem Eintritt in die weltweite Musikmaschine nicht anders. Diesseits des großen Teichs entsteht durch die Medienpräsenz einiger weniger Erzeugnisse des Genres ein Bild, das tatsächlich nur kleine Ausschnitte einer gewachsenen lateinamerikanischen Kultur widerspiegelt.

Die CD/DVD Chosen Few – El Documental ist die vermutlich erste in Deutschland verfügbare Quelle, die ein seriöses Bild des Genres Reggaeton und der damit verbundenen Kultur in Lateinamerika zeichnet. Dabei ist die CD, die dem Kenner nur teilweise Neues serviert, weniger bemerkenswert als die DVD, die in Spielfilmlänge Interviews nahezu aller wichtigen zeitgenössischen Puertoricanischen Künstler des Genres enthält und trotz der starken Fokussierung auf Puerto Rico auch die Ursprünge des Genres in Panama angemessen würdigt.

Die 25 auf der Audio-CD enthaltenen Titel vieler namhafter Produzenten wie Cheka, Eliel, DJ Blass, Luny Tunes etc. geben einen groben Überblick über die aktuellen Reggaeton-Erzeugnisse Puerto Ricos, schaffen es jedoch (nach Meinung des Autors) nicht das vielfältige Genre angemessen zu repräsentieren. Zwar sind mit Don Omar, Zion y Lennox, Nicky Jam, Voltio und Tego Calderon Künstler der ersten Riege des Reggaeton auf der Silberscheibe vertreten, jedoch lässt der deutlich zu erkennende Produktionsstil des kleinen mit den USA assoziierten Staates die Vielfalt vermissen, die das Genre gerade durch seine Verbreitung in großen Teilen Lateinamerikas erhält. Nichts desto trotz ist die CD ein solider aktueller Reggaeton Sampler.

Hochinteressant für all jene, die mehr über die Hintergründe des treibenden Stilmixes aus Reggae, Hip Hop und vielen weiteren Stilen wissen möchten, ist jedoch die DVD, die mit einem Rückblick auf die Ursprünge in den späten Achtzigern in Panama beginnt. Die von Boy Wonder produzierte Dokumentation über Reggaeton bittet dabei bereits am Anfang den (Mit-)Begründer des panamesischen Reggaeton “El General” zu Wort und lässt auf diese Weise keinen Zweifel daran wo Reggaeton entstand und erzählt wie die Musik in den Jahren 1990 und 1991 nach Puerto Rico kam.

In den folgenden gut eineinhalb Stunden gelingt der Dokumantation ein Bogen, der die wichtigsten Persönlichkeiten und Einflüsse sowie Schwierigkeiten auf dem Weg aus dem Untergrund in die Radiostationen umfasst. Konzertausschnitte großer Open Air Veranstaltungen und kleiner Clubauftritte wechseln sich mit Interviews und Ausschnitten aus Musikvideos ab und geben dem Betrachter Einblicke in die Musik und die Kultur, die damit verbunden ist.

Die enge Verbindung des Puertoricanischen Reggaeton zum Hip Hop wird während der gesamten Spieldauer immer wieder deutlich.
Als Vorreiter des Latin Hip Hop hat Vico C auch die Entwicklung des Reggaeton maßgeblich beeinflusst und gilt neben dem ebenfalls auf spanisch rappenden Tempo als Vorbild vieler heutiger Reggaeton-Stars.

Insgesamt umfasst die DVD 14 Kapitel, in denen u.a. die Battle-Kultur, die folgerichtig ebenfalls dem Hip Hop entlehnt ist, die Medienunterstützung, aber auch einige kritische Sichtweisen beschrieben werden. Ein eigenes Kapitel ist den weiblichen Künstlern des Genres gewidmet und stellt die Herausforderungen von Frauen in einem überwiegend von männlichen Künstlern dominierten Business dar.

Fazit:
In seiner Kombination aus CD und DVD ist Chosen Few – El Documental sehr empfehlenswert.

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