45 Shut-Out? Reggae & MP3s

Final Scratch - Timecode-PlatteIn diesen Tagen hat mit dem Ableger des Mailorder-Versands Soundquake ein auf Reggae spezialisierter MP3-Shop das Licht der Welt erblickt, begleitet von teilweise ängstlichen Fragen der Soundboy-Szene: wofür habe ich immerzu Raritäten gejagt? Wird es bald keine Singles mehr geben? Wohin mit den alten 1210er Plattenspielern? Wird Reggae zur Plastik-Musik? Die Entwicklung ist in der Tat interessant und Grund genug, sich einigen dieser Fragen mit ein wenig Spekulation zu nähern, und auch bei Soundquake einmal nachzufragen.

Für lange Zeit war die klassische 7″ für Reggaephile das Medium der erzwungenen Wahl. Das Gros der Releases schaffte es nicht auf Alben, sei es als Vinyl-LP oder später auf CD, deren Einführung das Single-Business nur marginal betraf. So hatte zum Beispiel 1999 Dave Kelly mit dem Versuch, seinen “Bug”-Riddim als CD-Single zu veröffentlichen, nicht gerade durchschlagenden Erfolg.
Mit dem Aufkommen von MP3s und vor allem der Etablierung von Tauschbörsen änderte sich das Bild radikal. Nicht nur waren Tunes plötzlich (illegalerweise) umsonst zu kriegen – man kam auch so schnell wie nie zuvor an das frische jamaikanische Material, denn Promo-CD-Rips erreichten das Netz, lange bevor die entsprechenden Singles in Plattenläden oder bei Mailordern eintrafen. Auch Soundssystems begannen hier und da, unterstützt von der Verbreitung von CD-Brennern, die Berührungsängste zum DJ-CD-Player oder neueren Technologien wie etwa Final Scratch abzubauen. Allerdings wurde von distributiver Seite erst sehr spät auf den “MP3-Markt” reagiert, der sich inzwischen in anderen Segmenten im iTunes-Kielwasser legalisiert und etabliert hatte. Das Angebot beschränkte sich, was Reggae betraf, auf wenige Releases.
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Der Soundquake-Shop (dem vermutlich, im Erfolgsfall, weitere folgen dürften) könnte hier für erhebliche Verwerfungen sorgen, sollte es zu einer Parallelität von Vinyl- und Download-Release kommen. Dann nämlich könnte es der 7″ ernsthaft an den Kragen gehen. Für Produzenten bieten MP3-Releases nicht zu unterschätzende Vorteile, vor allem durch die wegfallenden Kosten einer 7″-Produktion. Die im Reggae sagenhaft hohe Release-Dichte könnte sogar noch weiter steigen, wenn die Riddims, die sonst über die Promo-Zirkel nicht hinauskommen, nun auch noch auf dem Markt landen. Möglicherweise können auch überzeugte Downloader als (zahlende) Kunden zurück- oder überhaupt gewonnen werden. Eins steht nämlich zu Bedenken: der 7″-Markt ist eine Nische und schließt Gelegenheits-Singlekäufer praktisch aus – wenn, überspitzt gesagt, jeder Plattenkäufer (Hobby-)DJ ist bzw. im Umkehrschluß eben nur jeder DJ Plattenkäufer, rollen sich dem Ökonom die Fußnägel auf.
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CD oder 7 inch?Andererseits ist grade dieser Nischencharakter auch der “Lebensgeist” der 7″. Es zeigt sich nämlich, dass leidenschaftliche Vinylisten, die sicher den (bisher?) größten Teil der Singlekäufer bei Reggae ausmachen, recht unwillig sind, das liebgewonnene Medium aufzugeben. Sollte sich der MP3-Markt daneben behaupten können, wird sich wohl vor allem das Sammlertum, die Suche nach obskuren, vergessenen Raritäten eher noch verstärken – und beim 45-Clash würde der beste Plattenkäufer ausgezeichnet. Möglich, dass dies sogar den guten alten Plattenläden zugute kommt, die bei diesem Publikum den ihnen eigenen Mehrwert (direkte Beratung und auch lokale Verankerung) ausnutzen könnten. Und wer weiß: vielleicht entstehen ja neben 45- bald “Single-Clashes”, bei denen das Medium egal ist und nur noch auf die Selection geachtet wird. Manch populärer Klassiker könnte durch das Aufarbeiten von Backkatalogen nämlich jedermann wieder (legal) verfügbar werden, ohne dass für Kleinstlabels einigermaßen riskante Represses geschultert werden müssten. Für manchen passionierten Sammler ist dies allerdings eine Horrorvorstellung, wo doch gerade die schwierige und anekdotenreiche Suche nach lange verschollenen Platten ein essentieller Bestandteil der Freude an der Musik ist. Doch “Fret Not” möchte man dem Vinylfetischist zurufen – Vinyl wird sehr wahrscheinlich für lange Zeit das “mediale Gedächtnis” von Reggae bleiben, schon allein aus ganz handfesten Gründen. So schnell ist der komplette Backkatalog eines musikalischen Genres dann eben doch nicht zu digitalisieren. Bei neuen Releases allerdings könnte (könnte!) der Vertrieb via MP3 der 7″ absolut ernsthaft Konkurrenz machen.

Interessant ist auch nicht zuletzt die Frage, welche Auswirkungen veränderte Distributionsstrukturen musikalisch nach sich ziehen könnten. Sinkt die “Qualitätskontrolle” wenn ein Release billiger und leichter wird? Werden Tunes bei einem Markt, der nicht Singles auflegt sondern sich durch die Festplatte zappt, noch mehr auf die erste Minute hin optimiert?
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All dieses fällt aber, wie gesagt, in den Bereich der Spekulation und steht zur Diskussion. Unabhängig davon haben wir uns aber um ein paar Antworten von Soundquake selbst bemüht, die ja neben der Händler- auch noch die Soundsytem-Perspektive einnehmen:

dhm: Obwohl die großen mp3-Shops mittlerweile gut laufen, gibt es (soweit ich überblicke) noch keinen auf Reggae spezialisierten Shop. Wann & wie kam es zu der Idee?

SQ: Aufgrund des Umschwungs zu digitalen DJ-Anwendungen sind wir zum Entschluß gekommen, dass solchen DJs / Soundsystems ein Angebot gemacht werden muß, ihre Tunes legal beziehen zu können. Außerdem verdienen die Labels an Singles fast nichts mehr. Unser Umsatz an Singles ist nach wie vor gut, allerdings wollten wir von Anfang an beim Digitalgeschäft dabei sein. Die Auswahl an Reggae auf iTunes etc. ist ja recht überschaubar, also bieten wir auch kleinen Labels, die aufgrund ihrer Infrastruktur nicht mit Digitalvertrieben / Aggregatoren zusamenarbeiten, die Möglichkeit an, ihren Content weltweit durch uns zu verkaufen und an die „Großen“ zu vertreiben.

dhm: Wie funktioniert das ganze, dealt ihr mit Artists, Labels oder Distributoren?

SQ: Alle drei Varianten.

dhm: Welche Artists / Labels sind dabei? Wie groß wird das anfängliche Angebot pi mal Daumen sein?

SQ: Wir haben bisher Verträge mit Germaican, Special Delivery, Juke Boxx, Young Legends, Yellow Moon, GT Promotion, YT, Heartical, KBC, Addis, Necessary Mayhem, Pleasure Beat, Randy´s, Impact!, Natural Bridge, Irievibrations, Lockdown und diversen Vertrieben.

dhm: Macht ihr die Deals vor Ort?

SQ: Teils von Deutschland aus, teils vor Ort.

dhm: Geht es um aktuelle Releases oder plant ihr auch mit digitalisierten, älteren Selections (vergriffenes Zeug z.B.)?

SQ: Grundsätzlich wollen wir, analog zum Sound Quake Single-Handel, soviel Releases wie möglich zur Verfügung stellen.

dhm: Wie waren die Reaktionen von Produzenten / Artists? Wie gestalten sich die Verhandlungen?

SQ: Sehr gut, allerdings ist vielen (v.a. Ältere) nicht klar, wie dieses Geschäft eigentlich läuft, bzw. was ein Barcode oder ISRC ist, um die man im Digitalgeschäft nicht herumkommt. Es gibt viel Erklärungsbedarf.

dhm: Welche Dateiformate bietet ihr an? Was werden Tunes kosten? Wird es so eine Art “Reggae-Flatrate”, Pauschalangebote geben?

SQ: Grundsätzlich bieten wir allen Nicht-Major-Content als 320 kbps mp3 an. Die Preise werden von den Labels bestimmt, momentan kostet der Großteil noch 99 Cent (initial offer), wird aber demnächst leicht angehoben. Es wird kein Flatrate-Angebot geben.

dhm: Wer ist eure Zielgruppe?

SQ: In erster Linie die gleichen Kunden wie auch im Singlegeschäft – DJ´s, Soundsystems und Reggaeliebhaber.

dhm: Ihr seid bekanntermaßen ja auch Soundsystem – wie seht ihr selbst die Entwicklung aus der Perspektive? Und wie schätzt Ihr die Akzeptanz für Musik-Downloads bei anderen Sounds ein ?

SQ: Wir legen gerne digital auf, die Möglichkeiten sind einfach zu gut, um das außer acht zu lassen. Nichts geht über Singles, die werden wir auch weiterhin spielen. Allerdings ist es gerade bei weiten Reisen um einiges komfortabler, eine CD-Tasche anstelle der zwei bis drei Singlekisten, Maxitasche und Dub-Box mitzunehmen.
Heutzutage kann man sich ja fast jeden neuen Tune / Riddim noch vor der eigentlichen VÖ irgendwo runterladen, allerdings oft in zweifelhafter Qualität oder mit Edits. Wer auf Qualität Wert legt, kann die Tunes in der höchstmöglichen Bitrate zu einem fairen Preis bei uns kaufen.

dhm: Glaubt ihr, dass durch das geringere finanzielle Risiko die bei Reggae eh schon hohe Release-Dichte noch steigt, weil es einfacher wird, zu releasen? Oder ist das sowieso schon am oberen Limit?

SQ: Meiner Meinung nach ist die Releasedichte der wichtigen Labels am oberen Limit, siehe Big Ship oder Don Corleon. Es bleibt halt zu wünschen, dass die Labels realisieren, dass sie im Digitalgeschäft quasi aus dem Studio heraus ihre Neuerscheinungen verkaufen können – wir brauchen von denen nur noch Credits und ein Cover. Es fallen also quasi keine Produktionskosten an, die vorab entrichtet werden müssen – aus Labelsicht sicher einer der Hauptvorteile.

dhm: Was ist eure Prognose für die zukünftige Tonträger-Entwicklung? Wohin geht es mit Vinyl?

SQ: Vinyl wird es als Liebhaber-Ding immer geben, wie lange noch produziert wird, bleibt abzuwarten. Der Download-Markt wird wachsen

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