Alben-Roundup: Viel Lärm um fünf

dhm stellt fünf mehr oder weniger neue Alben vor: Ras Shiloh – Coming Home, Cocoa Tea – Biological Warfare, Ire Hi-Fi – Play De Music, Ziggi – So Much Reasons, P.R. Kantate – Dick In Jeschäft

Ras Shiloh - Coming HomeRas Shiloh ist einer der Artists, die ihren Output bewusst niedrig halten und mehr Konzentration auf einzelne Releases verwenden. Damit hat der gebürtige US-Amerikaner zwar eine relativ geringe Dancehall-Präsenz, kann aber im Gegenzug auf Langlebigkeit seiner Tunes hoffen. Sein neues Album, “Coming Home“, ist demgemäß keine Single-Flickschusterei, sondern eine unter Regie von Bobby Digital sorgfältig zusammengestellte, textlich und musikalisch bedächtige LP mit Betonung auf dem L. Produktionstechnisch befindet sich Coming Home völlig auf Höhe der (Modern Roots-)Zeit, die Riddims sind ausnahmslos gelungen, aber dabei auch durchaus einfallsreich – hörbar etwa bei “Volume of the book”, das mit einem leichten rhythmischen Twist aufgelockert wird. So wird Ras Shiloh der erneute Beweis ermöglicht, das er mit seiner klagenden, natürlich an Garnett Silk erinnernden Stimme zu den derzeit besten Sängern gehört. Exzellent platziert sind auch die Gastauftritte von Morgan Heritage, Bascom X und, besonders gut, Natural Black. Ein sehr gutes Album, das manchen prominenteren Kollegen in die Schranken weist.
[ Myspace-Page von Ras Shiloh ]

———-

Cocoa Tea - Biological WarfareColvin Scott a.k.a. Cocoa Tea hat mittlerweile, nach über 25 erfolgreichen Jahren im Geschäft, musikalisch nichts mehr zu beweisen, bleibt aber am Ball, um sein nicht gerade geringes sozialpolitisches und spirituelles Mitteilungsbedürfnis zu befriedigen. Neueste “Pressemitteilung” aus dem Scott’schen Think Tank ist das von Brotherman produzierte Album “Biological Warfare” auf dem Minor7Flat5-Label. Die angesprochene “biologische Kriegführung” aus dem Titeltrack beispielsweise bezieht sich auf die von Cocoa Tea konstatierte, destruktive Bevölkerungspolitik “Babylons”, womit das thematische Spielfeld des Albums angedeutet sei. Lyrische Schienbeintritte finden sich etwa auch bei “War Dust” oder “New World Order”, nicht immer auf höchstmöglichem Reflexionsniveau, aber sehr prägnant und scharf. Musikalisch gestaltet sich die Angelegenheit wie bei Brotherman üblich recht abwechslungsreich, wobei die Riddims und Cocoa Teas sanftes Singing nicht immer recht zueinander passen wollen (so etwa bei “Blood & Fyah” oder “Give Dem”), aber auch durchaus sehr gelungene Tunes herauskommen, zum Beispiel “Stop Tell Lie” oder der Opener “Poverty” auf dem Bodo Riddim (von dem übrigens zeitgleich ein One Riddim Sampler mit u.a. Capleton, Horace Andy, Beenie Man und Anthony Redrose erscheint).

———-

Ire Hi-Fi - Play De MusicFür deutsche Verhältnisse ist das 1989 gegründete Hamburger Ire Hi-Fi-Soundsystem von Selector Mattias ‘Pensi’ Penselin nachgerade ein Foundation Sound. Bereits seit Mitte der 90er widmete sich Pensi, ähnlich wie die Weggefährten von Silly Walks, verstärkt der Produzententätigkeit, wobei im “108 Studio” bereits zahlreiche Reggae-Größen für Voicings vorbeischauten. Einige Highlights der letzten 10 Jahre sind nun auf der von Planet Dread Records releasten Compilation “Play De Music” versammelt – u.a. mit Tunes von Sugar Minott, Mike Brooks, Trinity & Natty King, Luciano oder Tony Tuff. Die Riddims sind live eingespielt, klassisch arrangiert und meist raumgreifend-dubbig gemixt. Das Spektrum reicht vom fröhlichen “Live my Life” von Mike Brooks (mit DJ-Version von Lone Ranger) über das bouncende “Give Them A Chance” von Leroy Gibbon bis zu Tony Tuffs gewichtigem Stepper “The Power”. Ein sehr gut produzierter Sampler mit hervorragenden Tunes, der hoffentlich Fans und Käufer findet.
[ Website von Planet Dread Records ]

———-

Ziggi - So Much ReasonsMittlerweile auch in Deutschland erschienen ist das letztjährige Debutalbum des niederländischen Shootingstars Ziggi names “So Much Reasons“. Nachdem sich seine “Blaze It”-Version von Collie Buddz’ Überhit “Come Around” zum veritablen Hit entwickelte, gewann er einiges an Popularität (nicht zuletzt demonstriert durch die Vielzahl von Ziggi-Customs beim Soundquake vs. Supersonic-Clash vor ein paar Monaten). Für das Album vertraute er überwiegend der Arbeit seines Hausproduzenten Berteaut ‘Mr. Rude’ Fleming, eine prinzipiell lobenswerte, musikalisch aber etwas fragwürdige Entscheidung. Das Album klingt, obwohl durchaus verschiedene Reggae-Styles bedient werden, positiv gesprochen homogen, negativ formuliert eintönig. Insbesondere der Sound der zahlmäßig dominierenden Uptempo-Tunes ist betont slick, dadurch aber mitunter etwas beliebig und langweilig. Ziggis prägnante Stimme und die überlegten Vocal-Arrangements helfen über manches Schlagloch hinweg. Lyrisch werden keine Berge versetzt, Ziggis Texte bewegen sich innerhalb der bekannten Koordinaten. So bleibt ein Debut, das durchaus Potential zeigt, aber von internationaler Klasse schon noch ein Stückerl entfernt ist.
[ Website von Ziggi]

———-

P.R. Kantate - Dick In JeschäftDer Berliner Lokalpatriot P.R. Kantate versucht sich mit “Dick in Jeschäft” an einer erstmal krummen, aber beim zweiten Blick gar nicht so weit hergeholten Idee: ein Reggae-Album mit 80er Jahre-Coverversionen. Dabei kommt dann so etwas heraus wie eine absolut klischeeirt skankende Version des Ideal-Gassenhauers “Blaue Augen” im Berlina-Idiom, aus Rio Reisers “König von Deutschland” wird der “König von Kreuzberg”, Blueprint” von den Rainbirds wird mit einem leisen west-afrikanischen Vibe versehen, “Da Da Da” klingt plötzlich nach Besenkammer-Soca, und selbst von Modern Talking bleibt man nicht verschont. Der eine wird es vielleicht charmant finden, dem anderen mögen sich die Zehennägel aufrollen, und ich kann mich auch nicht recht entscheiden: ist das nun superoriginell und mutig oder ultra-öde und kalkuliert? Zumindest für den einen oder anderen Tune (die beiden Remixes am Ende des Albums, das angesprochene “König von Kreuzberg”, oder die total durchgeknallte Lagerfeuerpatois-Version von “Safety Dance” z.B.) würde ich mich eher auf ersteres festlegen lassen – für den Moment. So oder so, ein gewisses Hitpotential ist dem Ganzen bestimmt nicht abzusprechen, und wer mitreden will muss halt reinhören, bitte.
[ Website von P.R. Kantate ]