Killaswitch’s Reissue Kolumne #2

Die 2. Ausgabe der Reissue-Kolumne ist da. Diesmal versehen mit einem kleinen Mix. Rein zufällig dreht sich alles um das Rockers-Jahr 1978, und es gibt unter anderem französischen Vinyl-Enthusiasmus, einen um den Ruhm gebrachten Allround-Musiker und… eine Frau namens Casanova.

Zunächst einmal ein kleiner Mix mit einer Auswahl der zu besprechenden Tunes: [download]

Tracklist:
1. Prince Mohammed – Casanova Ride
2. Mr. Lonely Man – Sometimes
3. Rod Taylor – True History
4. I-Roy – Satta
5. Leroy Smart – Life Is A Funny Thing
6. Big Joe – In The Ghetto

Feedback im entsprechenden Forumthread ist, wie immer, höchst willkommen.

Rod Taylor – True History || o: 1978 rp: 2006 || 7″ Education (ED021)

ED021

Das französische Education Label leistet ganze Arbeit. Neben eigenen Produktionen, wie einer Neueinspielung von Cuss Cuss und Heavenless, hat man eine “Education Vintage”-Serie etabliert, wo durch die Neuauflage von klassischen Roots-Cuts im wahrsten Sinne Education betrieben wird. Und was liegt da näher, als den in Frankreich residierenden und hyperaktiven Rod Taylor um Tunes zu fragen? Der Conscious-Star der späten 1970er (Ethiopian Kings, His Imperial Majesty), der allein letztes Jahr mehrere neue Voicings auf französischen und schweizer Labels vorweisen konnte, lizensiert auch gerne seine alten Songs an französische Plattenfirmen – so erschien bereits 1999 auf Patate Recorde mit “Ethiopian Kings 1975-1980” ein höchst beeindruckendes Best-Of-Album. Nun konnte Education mit “True History” einen weiteren Rod Taylor Klassiker abgreifen. Der 1978 von Don Mais produzierte Tune ist ein Stück zeitloser Schönheit. Taylor besingt mit seiner geradelinigen, von allen Manierismen freien, aber dennoch unglaublich ausdrucksstarken Stimme die Zeiten der Sklaverei. Das von Soul Syndicate eingespielte Instrumental kommt mit den für Roots Tradition Produktionen so typischen Bläserhooks daher, und die Drums sind sehr knackig und perkussiv, dabei fast ohne Perkussion im üblichen Sinne auskommend. Die Snare macht viel Offbeat-Action und kontrastiert mit der geradezu metronom-artigen Hihat, die in der Dub-Version besonders schön zum Vorschein kommt. Überhaupt wäre die B-Seite einer eigenen Würdigung wert – es ist keine lieblos dahingeklatschte “Version”, sondern ein unglaublich deeper Dub-Mixdown mit viel Liebe zum Detail und freischwebenden Vocal-Passagen. Eine Scheibe, die man schnellstens kaufen sollte, bevor sie vergriffen ist – zumal die Sound- und Pressqualität absolut makellos ist.

Mr Lonely Man – Sometimes || o: 1978 rp: 12.2006 || 7″ Kingston Connexion (Kcs003)

Kcs003

Bleiben wir in Frankreich. Das eklektische Reissue-Label Kingston Connexion legt mit “Sometimes” ihre nun dritte 7″ vor. Es ist ein unter die Haut gehender Sufferers-Tune, der von totaler Verlassenheit und Verzweifelung berichtet – dem Protagonisten legt sich die Last die Welt auf die Schultern, der Boss schmiss ihn raus, die Frau ist weg, und “sometimes”, in Augenblicken wie diesen, weiß er nicht, ob es im Weiterleben noch einen Sinn gibt. Aber so düster kommt der Tune gar nicht daher – die Stimme ist mehr nachdenklich als verzweifelt, und der Uptempo-Stepper geht ordentlich nach vorne. Aufgenommen wurde der Cut 1978 im Channel One Studio, und abgemischt von keinem Geringeren als Barnabas. Aber wer ist dieser geheimnisvolle Mr. Lonely Man? Den Tune, wenn auch in einer minimal anderen Version, kannte ich von der Viceroys “Ghetto Vibes” Compilation auf Jamaican Recordings, und so dachte ich, Kingston Connexion hätte sich einen Viceroys Tune gegriffen, könne ihn aber lizenzrechtlich nicht unter dem Artist-Namen herausbringen. Ich wurde allerdings einen besseren belehrt. Bei Mr. Lonely Man handelt es sich um einen Musiker, Sänger und Produzenten namens Lloyd Deslandes, der in den 1970ern auf seinem “Big Sax”-Imprint einiges an Material herausbrachte, unter anderem als G.Nervous. Und was den besagten “Ghetto Vibes” Sampler angeht, so ist darauf, bis auf einen, kein einziger Viceroys Tune enthalten – es sind alles Lonely Man Vocalcuts. Dies ist lediglich die Darstellung einer Seite in dem Konflikt, aber wenn es stimmt, hat Jamaican Recordings den Herrn Deslandes böse über’n Tisch gezogen – auf “Ghetto Vibes” hat er lediglich für die Horns-Section Credits erhalten. Um so wichtiger also, daß der zu Unrecht vergessene Mann bei Kingston Connexion eine Würdigung bekommt. Sehr gute Pressqualität, schönes Artwork – alles spricht dafür, sich den Tune zuzulegen, solange es ihn noch gibt. Und eine UK Style 7″ mit kleinem Loch hat nicht zuletzt auch ihren Reiz…

Satta Riddim || o: 1978 rp: 1.2007 || 11x 7″ Jackpot || One Love Intl.

satta

“Satta Massa Gana” von den Abyssinians ist vielleicht einer der einflußreichsten Reggae-Tunes aller Zeiten, dementsprechend ist der dazugehörige Satta Riddim in jedermans Ohr. Und zu den schönsten Satta-Versions zählt definitiv die von Bunny “Striker” Lee 1978 aufgenommene. Eine umfassende Selection davon haben One Love Intl. jetzt neu aufgelegt. Geradezu erschlagend ist zunächst die Zahl der Versionen des Abyssinians-Tunes: von Don Carlos, Johnny Clarke, Dennis Brown und Ken Boothe hat Bunny Lee den Hit revoicen lassen. Schwer zu sagen, wer hier den besten Cut liefert… Ansonsten gibt es nur einen weiteren Singers-Tune von Leroy Smart, “Life Is A Funny Thing”, eine sehr schöne positive Nummer. Der Rest der Selection sind DJ-Tunes, die ein wahrhaft beeindruckendes Line-Up offenlegen: Tappa Zukie, I-Roy, Big Joe, Clint Eastwood, Jah Stitch, Dillinger und Trinity räsonnieren hier über Äthiopien und so manches andere. Der Dillinger-Cut ist ein absoluter Klassiker, den sowieso jeder längst haben sollte. Ein weiteres Meisterstück ist der Cut von I-Roy, dem 1999 als von allen vergessener Obdachloser in Kingston auf der Straße dahingeschiedenen, nach U-Roy vielleicht most crucial Deejay der jamaikanischen Musikgeschichte. Seine frenetische und zugleich unglaubich zurückgelehnte Vokalimprovisation über das Satta-Theme gehört zu dem Besten, was das Deejay-Genie jemals hervorgebracht hat. Auch wenn die Pressqualität nicht durchgehend stimmt: Diese Selection ist Pflicht!.. Wer allerdings, wie ich, geglaubt hat, damit ließe sich perfekt die vor einigen Jahren erschienene Satta-10″ auf Attack Gold ergänzen, wird leider enttäuscht – die 10″ Cuts, wenn auch wohl aus der selben Session, sind gute 5-7 bpm schneller.

Locksley Castell / Roman Stewart / Prince Mohammed – Love In Your Heart / Casanova || o: 1978 rp: 2004 || 10″ Rockers (RP010)

RP010

Eigentlich soll es hier ja um aktuelle Reissues gehen, aber bei einer derart nach vorne gehenden und zugleich witzigen Platte konnte ich es mir nicht verkneifen, zumal sie nach wie vor erhältlich ist. Die 10″ ist eine One-Riddim Produktion von Melodica-Legende Augustus Pablo, und ist weniger verspielt als seine früheren Produktionen, dafür aber um so mehr on point. Der Riddim pocht regelrecht an den Speakern, der Basslauf bleibt im Kopf hängen, die Gitarrenriffs und Melodica-Lines sind von absoluter Klarheit… Als ersten Tune gibt es einen extrem schönen Cut von Locksley Castell – einem Singer, der weitaus mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihm heutzutage zukommt – gleich als sechsminütigen Discomix. (Wer übrigens für diese 10″ eine gute Ergänzung zum juggeln sucht – es gibt den Tune seit letztem Jahr auch als 7″-Reissue auf Rockers.) Dann folgt ein extended Vocal-Cut von Roman Stewart, und auf der B-Seite der entsprechenden DJ-Cut von Prince Mohammed (a.k.a. George Nooks!) und nochmal eine Dub-Version. Alles in allem eine sehr essentielle Platte, auch wenn die B-Seite etwas übersteuert ist.

Nun aber zur unfreiwilligen Komik. Bei einem Reggae-Tune namens “Casanova” erwartet man eignetlich eher, daß der männliche Protagonist seine Stärken als Casanova anpreist – um so weniger konnte ich zunächst meinen Ohren trauen, als sich der Roman Stewart Cut als eine Liebeserklärung an Casanova entpuppte, und Prince Mohammeds “Give I the right to hold you, Casanova!” stellt es noch einmal klar: Casanova ist hier eine Frau! Haben wir es hier mit einem wundersamen “gestörten Telefon” des europäisch-jamaikanischen Kulturtransfers zu tun? Wären die Protagonisten von damals entsetzt und empört, wenn man sie über das wahre Geschlecht Casanovas aufklären würde? Aber vielleicht geht es hier ja um eine sich wie der sprichwörtliche Casanova verhaltende Frau, und ich tue Roman Stewart mit seinem vermeintlichen “Irrtum” Unrecht an. Nichtdestotrotz, eine ziemlich witzige Sache.

Alle erwähnten Platten gibt es unter anderem bei Music Rebel.