Killaswitch’s Reissue Kolumne #3

Nach einer längeren Pause geht es nun weiter mit der Reissue-Kolumne, um ein paar sonst untergegangene Roots-Scheiben vorzustellen. Auf dem Programm stehen obskure Sänger, außergewöhnliche Produktionen, und sogar ein Ausflug in die 1980er in dieser sonst eher 70s-lastigen Serie.

Zunächst, wie immer, ein kleiner Mix mit einer Auswahl der zu besprechenden Tunes: [download]

Tracklist:
1. Ranking Barnabas – Show I The Way
2. Pablo Paul – Don’t Dope
3. Zap Pow – Last War
4. Carlton Livingston – Are You Afraid

Feedback im entsprechenden Forumthread ist natürlich sehr willkommen.

Zap Pow – Last War / Jah Haawn || o: 1978 rp: 15.03.2007 || 12″ Kingston Connexion (KCD003)

KCD003

Bereits letztes Mal war an dieser Stelle die Rede von Kingston Connexion, dem kleinen eklektischen Reissue-Label aus Dijon. Im Laufe des letzten Jahres hat man dort einige 12″s herausgebracht, um das Talent des Ausnahme-Trompeters und Produzenten David Madden zu würdigen. Ganz aktuell kam dabei der Repress eines Tunes heraus, der Beres Hammond groß gemacht hatte – Zap Pow’s “Last War”. Die Band um David Madden, Glen DaCosta, Mike Williams und andere Repräsentanten des instrumentalen cream-of-the-crop der jamaikanischen Szene der 1970er war bekannt für ihre sehr eigenwilligen und gleichzeitig eingängigen Kompositionen, von denen einige, wie “This Is Reggae Music”, es sogar bis in den Mainstream hinein schafften. Wie sehr der Zap Pow Sound aus dem üblichen Roots-Sound der Zeit herausstach, kann man hier zwei Extended Versions lang nachhören. Extrem trockene Bläsersätze, knackige Offbeat-Drums, hier und da ein dezentes Gitarrensolo, und dazu die extem funkige Stimme eines damals gerade einmal 23 Jahre alten Beres Hammond – beziehungsweise die Horns-Spielereien von Madden auf der B-Seite. Der Track würde bestens in einem Funk-Set funktionieren, ist aber gleichzeitig ein würdiger Repräsentant seines Genres und seiner Epoche. Nicht zuletzt durch die apokalyptischen Lyrics – die aber dabei von Beres mit einer unglaublichen, fast schon lasziven Funkyness vorgetragen werden. Sehr außergewöhnlich, das Ganze.

Pablo Paul – Don’t Dope / Ras Henry – Happy Home || o: 1970er rp: 2006 || 12″ Kingston Connexion (KCD002)

KCD003

Ziemlich außergewöhnlich ist auch das Kingston Connexions Vorgänger-Item aus der David Madden Kollektion. Stellenweise aber auch gewöhnungsbedürftig. Hier werden zwei völlig obskure Sänger von Zap Pow gebackt. Angefangen mit einem Pablo Paul auf der A-Seite, der mit “Don’t Dope” den Zuhörer vor “things that will make you sad” warnt, wobei mit “dope” vor allem Koks & Co. gemeint ist, während einem mit Collie Weed die Alternative für all die dubiosen Substanzen an’s Herz gelegt wird. Musikalisch ist das ganze ein recht nach vorne gehender Stepper mit dem für Zap Pow typischen trockenen Arrangement, allerdings sind die fast schon rock-artigen Gitarrensoli etwas eigenartig für das roots-geschulte Ohr. Sehr eigenartig auch die Pressung – angesichts des kaum 3 Minuten langen Tunes sind 2/3 der A-Seite einfach leer. Warum man da nicht mit einem weiteren Tune den Vinyl-Platz hätte füllen können, ist mir schleierhaft. Die B-Seite bewegt sich mit Ras Henry’s “Happy Home” in traditionelleren 1970er-Gefilden – ein schöner One-Drop-Tune mit knackigem Zap-Pow-Flair -, und hier wird man auch mit einer Dub-Version belohnt. Alles in allem ist die 12″ eine ziemliche Kuriosität, die aber vielleicht nicht nur für eingeschworene David Madden Fans interessant ist.

Carlton Livingston – Are You Afraid || o: 1984 rp: 03.2007 || 7″ Cookie Jar (COOKIE7001)

COOKIE7001

Der belgische Plattenshop Giraffe Records brachte jüngst über sein “Cookie Jar”-Imprint diese hoch interessante Single auf den Markt. Man kann hier auch nur begrenzt von Reissue sprechen, denn diesen schwergewichtigen Rub-A-Dub Tune hat es in der Form nie auf einer 7″ gegeben. Während die Vocal Version unlängst auf der “Rumours” Compilation (Tabou 1 Records) zu hören war, ist der Dub sogar eine Weltpremiere. Der nun wieder öfter auf UK-Dub Produktionen auftretende, über lange Zeit zu Unrecht vergessene Sänger aus Trench Town, der seine Karriere in den späten 1970ern im Knowledge-Umfeld begann, liefert hier mit seiner sanft-beschwörenden Stimme einen monumentalen Tune über die Wahl der richtigen Weges im Dschungel der weiten Welt. An den Channel-One-Reglern sitzt Bebo Phillips, und an den Instrumenten findet man eine abgespeckte Revolutionaries-Besetzung: Sly & Robbie an Drums und Bass, Robbie Lyn an den Keys, Sticky an der Perkussion. Die Drums sind ausgesprochen minimalistisch und haben etwas von heruntergepitchtem Electro (hatte Sly da schon seine Drumcomputer-Phase?), dagegen ist die Bassline so fett, wie es nur geht. Bemerkenswert ist auch das periodische “woohoo!” im Hintergrund. Als erste Previews im Internet auftauchten, gab es auf einschlägigen Foren die wildesten Spekulationen darüber, wer denn die Backing-Vocals zum Besten gäbe. Schließlich sorgte der Giraffe-Labelboss für Aufklärung: “It isn’t anyone, it’s an African instrument that makes that wohow noise. It makes the tune really special, don’t you think?” Yes, I do. Danke für die Beförderung eines solchen Juwels and Tageslicht! Übrigens gib’t hier ein exzellentes Interview mit Carlton Livingston, inklusive einer großen Portion Humor und vielen Erinnerungen an alte Zeiten.

Struggle – Destruction / Ranking Barnabas – Show I The Way || o: 1979 rp: 2007 || 10″ Archive Recordings (AR-820610)

AR-820610

Archive Recordings, das obskure Reissue-Label aus St. Elizabeth mit UK-Connections, überrascht den Plattenkäufer in letzter Zeit desöfteren mit Neuauflagen völlig in Vergessenheit geratener Roots-Stücke – so wie auf dieser 10″-Scheibe. Produziert von einem gewissen George Nicholson, bekommt man hier zwei Vocal-Tunes und ein Dub im allerfeinsten Steppers-Style der späten 1970er. Zuerst ist Struggle aka Dennis Hamilton, ein eher unbekannter Sänger, der später einige Tracks für Sly&Robbies Taxi-Label aufgenommen hat, mit einem sehr energischen Sufferers-Tune vertreten. Der Riddim strotzt vor langgezogenen Orgel-Passagen und markanten Gitarrenriffs, und harmoniert gut mit Struggles kräftiger Stimme. Es folgt ein stark verdubbter Deejay-Tune von Mixing-Talent Ranking Barnabas – vielleicht der gewichtigste Grund, warum für diese Scheibe Kaufpflicht angesagt ist. Die Percussion rollt wie besessen, und Barnabas rotzt verwegen seine Satzfetzen über den Klangteppich. Treibende Energie pur. Dazu gibt’s auf der B-Seite eine über 6 Minuten lange Dub-Version inklusive Vocalschnipsel beider Tunes.

Alle besprochenen Platten gibt es unter anderem bei Music Rebel.