Vom Fachmann für Kenner: Alben aus der ersten Liga

Assassin - Gully Sit'n - CoverEiner der talentiersten Deejays dieser Tage, Jeffrey Campbell a.k.a. Assassin, bringt mit “Gully Sit’n” sein zweites Album an den Start. Das Album ist eine klassische Dancehall-LP, sprich: der “Kennt man schon”-Count beträgt 10 von 20. Das mal außen vor gelassen, legt Assassin aber wieder ein sehr gelungenes Machwerk vor. Die gegenwärtig rulende Produzentenriege ist geschlossen mit ihren Top-Riddims versammelt, so das der Löwenanteil des Albums auch noch nicht allzuviele Kilometer auf dem Tacho hat. Von Don Corleon kommen Artillery (bei “Don’t Make We Hold You”), Silver Screen (“Dem A Sissy”) und, mit Michael Brissett, Bluetooth (“Beep Out”); Stephen McGregor reicht Assassins Tremor-Version ein (“We Love The Girls”), Lenky lässt beim Swazzi-Riddim das Schifferklavier sprechen (“Girls Alone We Want”), und das Daseca-Team liefert mit “The Pain” und dem starken “Money Haffi Make” zwei Exklusiv-Produktionen ab.

Mittlerweile ist Assassin ja auch inoffizielles Mitglied im Madhouse-Camp von Dave Kelly, was sich in vier Produktionen des Großmeisters niederschlägt – neben den bereits bekannten Versions auf Eighty Five und Stage Show sind das “Dem Pop Down” und vor allem das großartige, Didgeridoo-artig dröhnende “Rail Up”. Die diverse Producer-Armada sorgt zwar für einen recht dispatraten Sound, trägt aber auch Assassins stilistischer Versatility Rechnung. Beim answer-esken “Bad Man” werden die Lyrics um das titelgebende Sample herum aufgebaut (ob da jemand heimlich Wileys “Gangsterz” gehört hat?), “Boring Gal” ist sehr gut auf die Live-Atmosphäre des Stage Time-Riddims abgestimmt, und auch bei “Don’t Dis No Man” auf Tony Kellys großartigem V.I.P.-Riddim zeigt Assassin einmal mehr, wo Bartel den Flow herholt. Inhaltlich deckt er das gewohnte Dancehall-Spektrum ab, von Oden ans weibliche Geschlecht über sozialkritisches Material bis hin zu zweifelhaften Betrachtungen zum Thema Metrosexualität (o.a.) ist alles vertreten. Ein defintives Ärgernis des Albums ist ausgerechnet der Titeltune, der leider nicht im Original, sondern in einem schwachbrüstigen Remix aufgenommen wurde. Dennoch gelingt Assassin ein über weite Strecken gutes Album, das seinen Status nicht schwächen dürfte.
[ “Gully Sit’n” ist am 24. 8. bei VP Records erschienen. ]
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Wayne Wonder - Foreva - CoverWayne Wonder, dem der endgültige Mainstream-Durchbruch ja, trotz seines Riesenerfolgs mit “No Letting Go” vor einigen Jahren, verwehrt blieb, darf sich nichtsdestotrotz auch nach rund 20 Jahren im Singer-Zirkel immer noch zur Creme de la Creme zählen. Unter eigener Regie entstand sein neues Album “Foreva“, das im September bei VP erschienen ist. Erstaunlichweise liegt der Löwenanteil der Tunes im gehobenen Tempo-Spektrum, obwohl man ihn wohl eher mit Schmachtriddims assozieren würde. Textlich bleibt dann auch alles beim Alten (“Love” kommt in 6 Songtiteln vor, und nomen est immer noch omen…), aber wie gesagt: viele der Tunes haben einigen Swing, WW schielt gewiss nach den Clubs. Das Tony Kelly-produzierte “Gonna Love You” weisst dessen typischen High Class-Sound auf, bei “Hotter Than Fire” erkennt man Snowcones “Cheerful”-Riddim, Lenky kontrastiert das im Kern sehr softe “The Way You Love Me” mit harten Drums, und “Take It Off” mit Mr Chicken kommt mit schicker Orgel vom Mischpult von Bulby & Fatta. Vom Tempo muss man sich aber nicht arg täuschen lassen, auch die schnellen Tunes sind sehr schmeichelnd produziert und passen damit zu den Lovers Rock-Portionen des Albums. Hier finden sich auch einige alte Bekannte wieder: das famose “Love and Affection”, “I Still Believe” auf Don Corleons “Seasons”-Riddim, oder die “Ghetto Blues”-Version “Again”. Durch die abwechslungsreiche Gestaltung kann man das Album sehr gut durchhören, aber an die starke in house-Konkurrenz im Lovers-Lager (namentlich Davilles “Always On My Mind”) kommt “Foreva” nicht ganz heran.
[ “Foreva” ist am 21. 9. bei VP Records erschienen. ]
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Shaggy - Intoxication - CoverKnödelboy is back in town. Bei einer Musik, die sowas wie “Underground” eigentlich nicht kennt und traditionell nach der Spitze der (nationalen) Charts strebt, prallen “Mainstream”-Vorwürfe an einem wie Shaggy, Hobby-Stock Car-Fahrer und Aushilfs-Clashhost, natürlich ab – nicht zuletzt auch deswegen, weil er es immer wieder schafft, sich mit ‘authentischem’ Material im Zentrum der Dancehall zu platzieren. Letztes Beispiel dafür war der Stomper “Church Heathen”, Anfang des Jahres omnipräsent und nun der Lead-Tune seines neuen Albums “Intoxication“. Der erste Dancehall-Verkäufer am Platz hat inzwischen seine Formel gefunden: eingängige Bashment-Riddims mit viel Pop-Appeal, wie man sie von Big Yard-Releases kennt, begleiten seine humorvollen Lyrics, die gerne mit Storytelling-Elementen angereichert werden, so eben bei “Church Heathen” oder dem Titel-Tune, der mit astreiner “Ick schwöre“-Message aufwartet: “I ain’t never gonna drink again…“. Dazu gibt’s einige Tunes auf klassischen Reggaeriddims, bespielsweise “Bonafide Girl” auf dem letzten Shanty Town-Relick, oder auch “Reggae Vibes” (sic!), das den Solomon-Riddim wiederbelebt. Ein paar Tunes sind total überflüssig (etwa die ziemlich furchtbare Kollabo mit Sizzla und Collie Buddz, “Mad Mad World”), aber insgesamt wieder ein gewohnt souveräner Effort von Shaggy, der sicher den gewünschten Erfolg haben wird.
[ “Intoxication”ist am 5. 10. bei Big Yard/Edel erschienen. ]